Rechtsextreme „Campus Alternative“ - Neugründung mit alten Strukturen an der Uni Passau

Veröffentlicht am So., 12/01/2019 - 17:37
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Neugegründete AfD-nahe Hochschulgruppe „Campus Alternative“ sorgt für Engagement von Studierenden der Universität Passau gegen Rechtsextremismus auf dem Campus

Im Oktober 2019 wurde bekannt, dass sich die Campus Alternative (CA) als hochschulpolitischer Ableger der AfD bzw. Projekt der „Jungen Alternative“ erneut an der Universität Passau registrieren konnte. Nach ihrer Erstgründung 2017 verlor die CA aufgrund von rassistischen und holocaustrelativierenden Äußerungen des Vorsitzenden im Sommer 2018 ihre Akkreditierung als Hochschulgruppe. Seit diesem Wintersemester konnte sich die CA trotz ihres rechtsextremen Hintergrundes wieder als Hochschulgruppe registrieren. Die letzte der wenigen, bundesweit noch aktiven Campus Alternativen sorgt damit für Proteste unter den Passauer Studierenden. Aus deren Reihen gründete sich nun die Kampagne „Campus Alternative #CAnceln“, die sich gegen rechtsextreme Politik auf dem Campus engagiert. Die Mitmachkampagne „Campus Alternative #Canceln“, engagiert sich nach eigenen Angaben gegen die Unterstützung und Verbreitung rechtsextremer Ideologien an der Universität Passau. Die Aktivitäten der Kampagne sowie Informationen zur rechten „Campus Alternative“ sammelt die Kampagne „CAnceln“ auf ihrer Facebookseite.

Die AfD-Hochschulgruppe „Campus Alternative“ - Zweitversuch an der Uni Passau

Die CA ist ein Projekt der vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremen "Jungen Alternative" [Bayern]. Die starken personellen sowie ideologischen Überschneidungen der Campus Alternative Passau mit der Jungen Alternative Ostbayern und der rechtsextremen Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf lassen den Schluss zu, dass es sich auch bei der CA in der Dreiflüssestadt (ebenso wie in anderen Universitätsstädten und wie beim Erstversuch der hiesigen CA) um ein Rekrutierungsbecken für rechtsextreme Korporationen, die Identitäre Bewegung und die Junge Alternative handelt. Die Befürchtung, dass es sich beim Zweitversuch der CA in Passau lediglich um eine Fortführung des Erstprojekts unter weitestgehend deckungsgleicher personeller Struktur handelt, bewahrheitete sich beim ersten öffentlichen Treffen der Campus Alternative Passau am 19.11.2019. Dort traten neben dem neuen (wohl aus formal-taktischen Gründen in dieses Amt gewählten, weil politisch wenig vorbelasteten) Vorsitzenden Sebastian R. mindestens vier Mitglieder der vom Verfassungsschutz beobachteten Passauer Burschenschaft Markomannia als führende Mitglieder auf. Die Markomannen Tobias Lipski, Alexander Salomon und Petar Boesche machten bereits in der Vergangenheit bundesweit mit ihren extrem rechten Aktivitäten und Verstrickungen in teils neonazistische Netzwerke Schlagzeilen. Der mutmaßliche verhinderte Rechtsterrorist und Passauer Student Tobias Lipski ist außerdem Vorstand der „Jungen Alternative Ostbayern“. Am 24. Oktober gratulierte der Ostbayerische Flügel der, vom Verfassungsschutz als rechtsextremen eingeordnet und beobachteten AfD-Jugendorganisation *ihrer* Campus Alternative zur (Neu-)Zulassung an der Universität Passau. [Junge Alternative Ostbayern – Facebook].

Die Campus Alternative feiert dies auf ihrer Facebookseite als Beitrag der Universitätsleitung zu "Pluralismus, Patriotismus und kritischem Denken" und bejubelt die Unterstützung der Universität Passau, welche die CA als politische Hochschulgruppe anerkennt und ihr Räumlichkeiten an der Universität für ihre politischen Aktivitäten und Programme zur Verfügung stellt. [#CAnceln berichtete]

Die Universität selber beruft sich bei der Neuzulassung wohl auf das hohe Gut der Meinungsfreiheit und vergisst dabei, dass es sich bei der CA um ein rechtsextremes und offen antidemokratisches Projekt handelt. Dessen Existenz als Hochschulgruppe trägt nicht nur rechtsextreme, rassistische, antisemitische, sexistische und andere menschenfeindliche Ideologien und Programmatiken an die Universität. Die Akkreditierung der CA als Hochschulgruppe ermöglicht dieser weiterhin auf Gelder und Räumlichkeiten der Universität Passau zuzugreifen. Ein Schlag ins Gesicht aller Hochschulgruppen, Initiativen die sich tatsächlich für einen offenen, diversen und diskriminierungsfreien Campus einsetzen und besonders für von rechtsextremer Ideologie unmittelbar bzw. besonders stark betroffene Studierende.

Darauf, dass dies nicht nur haltlose Befürchtungen einiger Hysteriker*innen sind, deutet die Vergangenheit der „Campus Alternative Passau“ und ihrer Mitglieder hin.

Aktivitäten und Mitglieder der „Campus Alternative Passau“

In ihrer ersten, rund einjährigen Bestandsphase zeigte die CA Passau keine Aktivität über Gründungsposting hinaus, in welchem sie sich als „freiheitliche und patriotische Studenten der Universität Passau.“ betiteln, deren Ziel es sei „ohne ideologische Einschränkungen [zu] leben und studieren. Gemeinsam kämpfen wir für die Stärkung der Meinungsfreiheit und gegen politische Korrektheit auf dem Campus.“ [CA Passau, Facebook, 13.10.2017].

Ohne geschönte Worthülsen offenbart sich hingegen, wie es um den Kampfgeist einiger CA-Mitglieder eigentlich gestellt war:
Dank einer Anfrage mehrerer Grüner Abgeordneter an den bayerischen Landtag (22. Juli 2019) wurde bekannt, dass im Jahr 2016 ein späteres Mitglied der Campus Alternative Passau einen Amoklauf an der Universität Passau angedroht haben soll. "Ich hasse Jurastudenten und BWL-er. So ein bisschen Giftgas im Audimax und dann vor den Fluchttüren warten, da kriege ich bestimmt schon mal zweistellige Todesopfer.", erklärte der Informatikstudent über die App "Jodel", sowie "Ab und zu plane ich detailliert Amokläufe, bis ich wieder halbwegs normal bin.". Andere Studierende informierten die Polizei, es kam zu einem Großeinsatz auf dem Campus und rund ein Jahr später zu einer Verurteilung des CA-Mitglieds. [Infoticker berichtete]


Andreas Meißner – Völkischer Rassist mit Angst vor dem „weißen Genozid“

Grund für den Rausschmiss der CA aus der Hochschulgruppenliste der Universität Passau im Sommer 2018 war jedoch eine Stellungnahme des „Jungen Alternativen“ und damaligen Vorsitzenden bzw. CA-Mitglieds Andreas Meißner auf seiner Facebookseite. Im genannten Beitrag werden „Vielfalt, Bereicherung und Multikulti“ als der „größte Völkermord aller Zeiten“ bezeichnet. Dies interpretiert die Universität Passau als Relativierung des Holocaust. Zudem werde eine eindeutig rassistische Terminologie verwendet, die sich u. a. der Begriffe „Volkstod“, „Volksgemeinschaft“, „Umvolkung“, „Überfremdungsfunktionäre“, „Durchmischung mit dem Ziel des degenerierten rassischen Einheitsbreis“, „fremdvölkische BRDReisepaßinhaber“, „blutsmäßige Deutsche“ und „weißer Genozid“ bediene. Dies alles werde mit angeblich im Hintergrund agierenden jüdischen AkteurInnen in Zusammenhang gebracht, eine typische antisemitische Vorgehensweise, so die Universität Passau. Meißner habe, laut Medienberichten, wiederholt die Möglichkeit der Stellungnahme bekommen, um sich von diesem Beitrag klar distanzieren zu können. Diese Gelegenheit habe er aber nicht wahrgenommen. Vor diesem Hintergrund wollte die Universität nicht weiter dulden, dass der Vorsitzende der Campus Alternative eine verantwortungsvolle Position inne habe. [Campus Crew berichtete].

Tobias Lipski – Ex-Soldat über "scheiss Juden" und "Nigger"

Knapp eineinhalb Jahre später wurde die CA erneut zugelassen, da Andreas Meißner, der 2018 noch als Vorstand gelistet war, dieses Amt nicht mehr bekleidet. Als Meißners Ersatz im CA-Vorsitz hatte sich 2018 schon das Mitglied der „Jungen Alternative“, Tobias Lipski angeboten. Lipski der auch in der vorherigen Passauer Campus Alternative aktiv gewesen war, wurde seinerseits am 24. Mai 2017 wegen extrem rechter Positionen ("Heil Hitler") aus der Bundeswehr entlassen. Lipski wetterte dort über „scheiss Juden" und "Nigger“ und flog letztlich wegen seiner rechtsextremen Gesinnung und seinem Engagement für die „Identitäre Bewegung“ Bayern aus seiner Position als Offiziersanwärter an der Bundeswehruniversität in München. [IMI-Standpunkt 2019/032 und SZ berichteten] Später kam heraus, dass er außerdem verdächtigt wurde einen Anschlag auf Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in München geplant zu haben. Derzeit ist der Passauer Jurastudent Mitglied der extrem rechten Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf und Vorstand der „Jungen Alternative Ostbayern“.

Mit Alexander Salomon, Petar Boesche und Max H. traten mindestens drei weitere Markomannen im Kontext der ersten öffentlichen Treffens der Campus Alternative auf – einige davon ebenfalls mit extrem rechter Vergangenheit und Gegenwart.

Petar Boesche – rechtsextremer Spitzel für die Neue Rechte

Als ein Mitglied der „Jungen Alternative“ und der neuen, extrem rechten "Campus Alternative Passau" tritt der Burschenschafter der Markomannia, Petar Boesche auf. Dieser hatte sich zu Beginn des Jahres 2019 über einige Zeit als "rechtsextremer Spitzel" in linke Strukturen eingeschleust und war in einer linken Hochschulgruppe als vermeintlicher Gesinnungsgenosse aktiv geworden. [Infoticker berichtete]

Die aus den Strukturen gewonnenen Informationen nutzte B. um mit Hilfe namhafter rechtsextremer Plattformen eine Hasskampagne gegen die "Liste der unabhängigen kritischen Student*innen (LUKS) an der Uni Passau" anzuzetteln. Eine Anfrage an die Bayerische Staatsregierung wirft die Frage auf, "welche Erkenntnisse die Staatsregierung über die, durch die Aktivitäten des „Markomannia-Spitzels“ ausgelöste Hass- und Boykottkampagnen in rechten Netzwerken und auf Onlineplattformen, die sich gegen Hochschulgruppen an der Universität Passau richten?", hat. Und die Antwort verwundert wenig: "Dem Polizeipräsidium Niederbayern ist bekannt, dass der in der Antwort zur Frage 5.1 genannte Vorfall von Anhängern der Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf genutzt wird, um die Hochschulgruppe LUKS Passau zu diskreditieren und die Entziehung ihrer Akkreditierung an der Universität Passau zu erreichen. Dazu werden einschlägige rechte Internetseiten genutzt, auf welchen der Vorfall detailliert dargestellt wird." - Bayerische Staatsregierung.

Verwunderlich scheint in diesem Zusammenhang, dass der Universität Passau diese Erkenntnisse nicht so bewusst zu sein scheinen. Anders ist nur schwer erklärbar, wieso Angriffen seitens der Burschenschafter auf besagte Hochschulgruppe weiterhin Raum gewährt wird.

Alexander Salomon – Ex-NPDler mit NS-Affinität im Kampf gegen Links

Alexander Salomon war in seiner Jugend Mitglied in der NPD, später Mitgründer der AfD- und der „Jungen Alternative“ Brandenburg und enger Mitarbeiter des Neonazis Andreas Kalbitz (AfD Brandenburg), auch zur Identitären Bewegung und anderen extrem rechten Organisationen bestehen Kontakte. Seit einigen Jahren tritt er als Galionsfigur der rechtsextremen Burschenschaft Markomannia auf und leistet für die völkisch-nationalistische Studentenverbindung Rekrutierungserfolge im Milieu Passauer Studierender. Auch Salomon war gemeinsam mit Meißner und Lipski bereits als führendes Mitglied der CA im Erstversuch aktiv. Im Kontext seines waffenstudentischen Bundes scheint das Gedenken an NS-Täter und das Huldigen verstorbener nationalsozialistischer Verbindungsbrüder und des „Deutschtums“ ein Schwerpunkt Salomons Aktivitäten zu sein. Auf dem Campus widmet er, sich wie seine Bundes- und Verbandsbrüder, gerne dem Kampf gegen die vermeintliche linke Hegemonie. Während des vergangenen Hochschulgruppen-Infonachmittages an der Universität Passau (Herbst 2019) zitierte das Mitglied der rechtsextremen Burschenschaft beispielsweise die Polizei auf den Campus. Auslöser hierfür war ein am Stand der Hochschulgruppe LUKS ausliegender Flyer der Kampagne „Völkische Verbindungen kappen - Gegen Faschismus jeder Couleur“, der die völkisch-rechtsextreme Gesinnung der Markomannia thematisiert. Der Burschenschaftler behauptete, auch unter Angabe falscher Tatsachen (z. B. dass der Flyer persönliche Daten oder Bilder seiner Person enthalte) dieser würde ihn persönlich angreifen. Seiner Aufforderung kam die Polizei sofort nach und überprüfte im Kontext eines Einsatzes auf dem Campus die genannten Flyer von LUKS und beschlagnahmte diese zur Sicherheit. Die darüber offensichtlich zuvor in Kenntnis gesetzte Universität Passau setzte diesem Einsatz nichts entgegen. [LUKS berichtete]

Wenig später griff die „Campus Alternative Passau“ den Vorfall auf und beweint, dass es ein Akt der Diskriminierung, eine ganze Gruppe [Anm. gemeint ist die CA] für das Handeln eines einzelnen Gruppenmitglieds bestrafen zu wollen? […] Wir jedenfalls begrüßen das Handeln unseres Mitglieds und möchten alle Studenten dazu ermutigen, sich nicht von den linken Möchtegernblockwarten an der Uni einschüchtern zu lassen.“ [CA Passau, Facebook, 14.11.2019]

Damit knüpft die neue CA ideologisch an das Gründungsstatement der rechten Hochschulgruppe von 2017 an, in welchem die „freiheitlichen und patriotische Studenten der Universität Passau.“ den Kampf gegen politische Korrektheit auf dem Campus.“ ankündigen.

Aktivitäten und Taktiken der „Campus Alternativenin Bayern und Passau

Seit der Gründung der »Alternative für Deutschland« (AfD) versuchten auch deren Parteimitglieder universitäre Ableger zu gründen. Von 2013 bis Mitte 2016 gab es AfD-Hochschulgruppen in rund 26 deutschen Universitätsstädten, wobei einige über die Gründungsankündigung nicht hinaus kamen oder lediglich als [inaktive] Facebookseite bestanden. Andere lösten sich kurze Zeit später wieder auf. In Bayern kündigten sich Campus Alternativen in Augsburg, München, Würzburg, Bayreuth und Passau an. Im Freistaat entstand im Jahr 2015 erstmals eine Vertretung der Campus Alternative an der Universität Bayreuth. Im Laufe der Zeit verfügt die CA in Bayern über weitere Ableger in Augsburg (Universität Augsburg), München (Technische Universität und Ludwig-Maximilians-Universität), Passau (Universität Passau) und in Würzburg (Julius-Maximilians Universität).

Jenseits von Facebook waren zur Jahresmitte 2016 lediglich die bayerischen Gruppen in München, Würzburg und Bayreuth wahrnehmbar, wenn auch nur sehr begrenzt aktiv. Die AfD Ableger an den Universitäten wurden, wie auch in Passau, fast ausschließlich von Männern gestellt werden, nicht selten mit korporiertem Hintergrund (überwiegend Burschenschafter aus dem völkisch-nationalistischen Spektrum) mit Verbindungen in die extreme Rechte, wie zur Identitären Bewegung.

Aktuell (2019) zeichnet sich ab, dass unter den Bayerischen AfD-Hochschulgruppen die CA Augsburg lediglich als Facebookauftritt bestanden hatte, die Münchner CAs als Hochschulgruppen gestrichen worden sind, die CAs in Würzburg und Bayreuth restlos aus der Öffentlichkeit und von der Bildfläche verschwunden sind.

Die Campus Alternative Passau als eine der letzten bundesweit aktiven AfD-Hochschulgruppen

Somit zeigt sich die CA Passau als eine der letzten bundesweit aktiven AfD-Hochschulgruppen. In ihrer Gründungserklärung auf Facebook bejubeln die patriotischen Studierenden die Unterstützung ihres Projekts durch die Universitätsleitung, welche die CA „als politische Hochschulgruppe anerkennt und uns Räumlichkeiten an der Universität zur Verfügung stellt.“ Neben der Organisation öffentlicher Vorträge verkündet die CA ihren Mitgliedern außerdem die Möglichkeit, „an spannenden internen Aktivitäten teilzunehmen“. Die öffentlichen Treffen sollen vierzehntägig an der Universität Passau (Wirtschaftswissenschaftliches Gebäude, Raum 026, von 20:15 – 21:30 Uhr) stattfinden. [Konkrete Termine am: 19.11.2019, 3.12.2019, 17.12.2019, 7.1.2020, 21.1.2020, 4.2.2020]

Beim ersten öffentlichen Treffen am 19.11.2019 an der Universität Passau nahmen neben den bekannten Markomannen weiterhin Sebastian Resch (als neuer Vorsitzender) und Juvence M. als stellv. Vorsitzender teil. Anlässlich der Anwesenheit von etwa 40 Studierenden, die das Treffen der CA kritisch zu begleiten und zu beobachten gedachten, zogen es die Burschenschafter und zwei weitere auf „Anonymität bedachte Mitglieder“ vor, die CA-Tagesordnung in privater Zusammenkunft der CA-Mitglieder“ zu besprechen [CA Facebook, 20.11.2019]. Derweil blieben Sebastian R. Und Juvence M. zurück um als Platzhalter den „Diskurs mit den Kritikern“ zu führen. „Es wurde angeregt bis in die Nachtstunden produktiv diskutiert“, berichtet die CA anschließend über den öffentlichen Verlauf des Treffens. Währenddessen wurden die wesentlichen Entscheidungen zur weiteren Entwicklung der Campus Alternative an anderer Stelle – und offensichtlich von anderen Beteiligten - getroffen.

Die „Campus Alternative“ als taktisches Ausweichmanöver zur Rekrutierung völkisch-nationalistischer Verbindungsstudenten?

Große Teile der "Campus Alternative Passau" werden, wie beschrieben, aus Reihen der rechtsextremen Burschenschaft Markomannia Wien gestellt. Die Markomannia Wien zu Deggendorf selber hat keinen Status an der Universität Passau. Die Burschenschaft hat am 26.03.2018 einen Antrag auf Registrierung der Hochschulgruppe gestellt. Mit Schreiben vom 19.09.2018 wurde der Antrag auf Registrierung mit verweis auf die ideologische Ausrichtung der Verbindung abgelehnt. Nicht ganz fern liegt folglich der Gedanke, die AfD-nahe Hochschulgruppe könnte als taktisches Ausweichmanöver für die gescheiterte Registrierung der rechtsextremen Burschenschaft Markomannia Wien an der Universität Passau dienen.

Noch vor etwa drei bis vier Jahren hatte die Burschenschaft an der TH Deggendorf versucht, die studentischen Vereine der Technischen Hochschule zu „unterwandern“, d.h. „Burschen“ haben sich bei allen Vereinen als Mitglieder angemeldet und sich dann bereit erklärt, Funktionen in den Vereinen zu übernehmen.", erklärt die Bayerische Staatsregierung.
In Passau scheinen die Burschenschafter stattdessen gleich selber eine Hochschulgruppe gegründet zu haben um sich ein Rekrutierungsbecken zu schaffen und um ihre rechte Politik ganz unabhängig von solchen Interventionen durchführen zu können. Die Universität Passau scheint damit kein Problem zu haben und unterstützt die extrem rechte Hochschulgruppe durch formale Anerkennung, Räumlichkeiten und (auf Antrag) weitere Ressourcen. Voraussetzung scheint lediglich zu sein, dass der Vorsitz der "Campus Alternative" nicht durch einen Markomannen gestellt wird. Eine Formalie, die zu umgehen die Burschenschafter vermutlich nur ein müdes Lächeln kostet – immerhin bietet ihre Vernetzung in der extremen Rechten den Burschenschaftern gute Möglichkeiten sich unter anderen Labels zu inszenieren:
Die Markomannia operiert ganz offen an der Schnittstelle zwischen Teilen der AfD und Junger Alternative, der Identitären Bewegung, dem rechten Hooligan-Milieu und der offenen Neonazi-Szene (...) Die Räume der Burschenschaften sind sozusagen Schaltzentralen der rechtsextremistischen Szene in Niederbayern und darüber hinaus.“, erklärt Cemal Bozoglu (Die Grünen) die neuerdings bekannt gewordene Beobachtung der Burschenschaft durch das Bayerisches Landesamt für Verfassungsschutz.

Ideologie und Programmatik der Campus Alternative Passau und der Neuen Rechten

Zur ideologischen Ausrichtung hüllt sich die „Campus Alternative“ bisher weitestgehend in Schweigen. Bekannt ist bisher lediglich ihre mehrfache Positionierung gegen „politische Korrektheit“ und das vermeintliche linke Meinungsdiktat im akademischen Milieu. Dies entspricht ziemlich genau den politischen Analysen neurechter Metapolitik. Aus deren Sicht der „Neuen Rechten“, denen sowohl AfD/JA wie auch die Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf zuzurechnen ist, kommen gerade an Universitäten mehrere Feindbilder der jüngeren extremen Rechten zusammen. Diese werden als Wurzel allen Übels und ursächlich für den toxischen „herrschenden Zeitgeist“ verstanden (Letzterer wird jeweils unterschiedlich argumentiert, in jedem Fall aber als immer existentiell bedrohlich für die völkische Identität bewertet). Gängige Feindbilder der Neuen Rechten formen sich aus der vermeintlichen Indoktrination des studentischen Milieus durch „Alt-68er“, die Diskussion von ihnen widerstrebenden Themen und Perspektiven im Hochschulkontext und eine angeblich alles bestimmende linke Atmosphäre bzw. Vormachtstellung einer kleinen aber dominanten intellektuellen linken Elite. Der Kampf um die Rückeroberung der „kulturellen Hegemonie“ wird u. a. durch Einmischung in den gesellschaftsfähigen konservativen politischen Diskurs geführt, durch die „Schaffung von (hoch-emotionaler) Daueröffentlichkeit für die eigenen Positionen“, sowie durch die „Suggestion einer ungerechtfertigten Ausgrenzung von völkischen und rassistischen Positionen aus der öffentlichen Debatte. Dies geschieht unter dem Propagandalabel eines angeblichen Kampfes für Meinungsfreiheit“. Exakt diese theoretische Darstellung der Methodik neurechter AkteurInnen bewahrheiten sich am Beispiel der Passauer Campus Alternative bereits jetzt. Auch hier wird gegen vermeintliche „linke Blockwarte“ argumentiert, die eigene Position als die des Diskriminierten bezeichnet und das Engagement gegen Rechtsextremismus als Aktivität gegen Meinungsfreiheit und Demokratie gewertet (siehe Statement der Campus Alternative Passau, Facebook, 04.11.2019).

Antifeminismus als einendes ideologisches Element der Mitglieder der Campus Alternative Passau

Ein weiteres ideologisches Element der Neuen Rechten scheint auch im Falle der „Campus Alternative Passau“ besonders über alle Herkunftsmerkmale ihrer (ausschließlich männlichen) Mitglieder hinweg zu bestehen: Die vermeintliche Bedrohung der Männer und der bestehenden patriarchalen Grundordnung durch den „linksversifften“ Feminismus. Der Antifeminismus der Neuen Rechten kann durchaus als einendes ideologisches Element der insgesamt – nach eigenen Angaben – derzeit etwa 10 Mitgliedern der Campus Alternative Passau vermutet werden.

Es beschreibt eine in der Neuen Rechten weit verbreitete These, dass der linke, feministische Zeitgeist letztlich zur Reduzierung der Geburtenrate im „deutschen Volk“ führt. Dieser Zeitgeist drückt sich vermeintlich wahlweise durch fortpflanzungsfeindliche Familienpolitik, der Geschlechterrollen-auflösenden "Genderideologie" oder feministischen Geschlechtergleichstellungs- und pro-emanzipatorischen Frauenrechtsforderungen aus, aber auch durch vermeintliche Kampagnen zur "Promotion" von Homosexualität und Abtreibung. Feminismus bzw. feministischer Genderpolitik wird daher als mitursächlich für den drohenden "Volkstod" verstanden.

Andreas Meißner, ehemals Vorsitzender der Campus Alternative Passau und antifeministischer Abtreibungsgegner behauptete tatsächlich (am 9.10.2018 auf Facebook): „In Deutschland findet seit Jahren der GRÖßte VÖLKERMORD DER GESCHICHTE statt: Sechs Millionen tote Babys. Bis jetzt …“ und positioniert sich somit holocaustrelativierend und pro-völkisch gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche. Auch der aktuelle CA-Vorsitzende Sebastian Resch soll in der Vergangenheit bereits mehrfach durch seine ablehnende Haltung zu Feminismus aufgefallen sein. Als mehrfacher Gast in universitären Veranstaltungen zum Themenbereich „geschlechtergerechte Sprache“ offenbarte sich der ProLife-Sympathiesant stets als Verfechter antifeministischer Argumentation. Nachdem ihm sein sexistisches/antifeministisches Verhalten sogar einmal einen Raumverweis einhandelte, scheint er in der Campus Alternative ein neues Forum gefunden zu haben, um gegen (feministische) Genderpolitik an der Universität aktiv zu werden. Vermutlich liegt in hierin seine Hauptmotivation sich der völkisch-nationalistisch ausgerichteten, neurechten CA anzuschließen, begründet.
Über den ehemaligen stellv. Vorsitzenden der CA, Tobias Lipski ist bekannt, dass dieser bereits wegen „Verhaltensweisen gegenüber Damen“ aus seiner ehemaligen Münchner Burschenschaft Cimbria rausgeworfen wurde und dort Hausverbot erhielt. [AAF berichtete]

Antifeministische Vortragsankündigung der Campus Alternative Passau für Januar 2020

Bereits im vergangenen Jahr versuchte die Campus Alternative gemeinsam mit der Passauer AfD am 12. Oktober eine politische Veranstaltung mit den AfD-Bundestagsabgeordneten Hans Jörg Müller und Nicole Höchst abzuhalten. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst prägt wegen ihrer antifeministischen Haltungen im Bereich „Gleichstellungs- und Familienpolitik“ immer wieder den medialen Diskurs. Höchst lehnte, ganz AfD-typisch, die gleichgeschlechtliche Ehe und ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche männliche Paare mit der Behauptung ab, dass unter homosexuellen Männern mehr Pädophile existierten. Sie engagiert sich gegen Sexualaufklärung an Schulen („Frühsexualisierung“) und Gleichstellungspolitik für Frauen und verneint die Existenz von mehr als zwei Geschlechtern. Strukturelle Benachteiligung von Frauen, so ihre „Analyse“, gebe es in Deutschland nicht, die wahre Bedrohung für Frauen gehe dagegen vom Islam aus.

Bei ihrem ersten öffentlichen Treffen am 19.11.2019 jedenfalls kündigte der CA-Vorsitzende Sebastian Resch an, dass die Campus Alternative Passau im Januar 2020 einen Vortrag an der Universität Passau zu organisieren plant, welcher den Themenbereich „Genderwahn“ zum Inhalt haben solle. Welche/r hochkarätige RednerIn aus dem Netzwerk der AfD oder der Neuen Rechten die Dreiflüssestadt dafür beehren wird, bleibt derzeit noch offen.